Digitale Vorlesung - zu einem dialog- und diskursorientierten - und ökonomischeren - Studium

Durch eine Diskussion mit Frank Vohle bin ich auf eine These zum menschlichen Denken gekommen - und habe mit einem Zitat von Clifford Geertz diesen Prozess als gesellschaftlichen beschrieben. An dieser Stelle möchte einsteigen und über eine moderne und ökonomische Bildung nachdenken.

Zunächst stelle ich fest, dass eine Vorbereitung von Prüfungen aus meiner subjektiven Erfahrung immer dann sehr erfolgreich war, wenn diese von Dialog und Diskurs gestützt war. Das hängt natürlich von der Gruppe ab - aber wenn die Gruppe motivational an einem Strang gezogen hat, dann war das Ergebnis eigentlich immer hervorragend. Weiterhin konnte ich schon während meiner Abitur feststellen, dass das Erklären von Inhalten für im jeweiligen Fach schwächere Kollegen mir selber am meisten Klarheit über dieselben gebracht hat. Lernprozesse gemeinsam zu erleben bringt also - so scheint es mir - gewisse Vorteile. Erst wenn man den Stoff anfasst - ihn nutzt und diskutiert - wird ein Nachdenken darüber so richtig plastisch. Solange ich das Rezeptionsangebot nur wahrnehme, kann ich mir potentiell totes Wissen erarbeiten - bringen tut es mir im Moment wenig. Klar kann auch solches Wissen einen Anschlußpunkt für späteren Expertiseaufbau ermöglichen - aber um welchen Preis?

Wenn ich nun viele Seminaren, Kursen in Universitäten und Schulen anschaue, wird immer noch nach einem Prinzip verfahren, welches den Lerner in die Rolle eines passiven Empfängers versetzt - in zur Untätigkeit verurteilt - und ihn zwingt ein bestimmtes Denken einfach nur aufzunehmen - als wäre man ein Gefäß. Funktionieren tut die Gefäßlogik schon - und zwar um so mehr Expertise und Anschlußfähigkeit beim Lerner vorzufinden ist - um so besser kann auch eine reine Vorlesung "aufgenommen" werden. Im Endeffekt ist es aber in höchstem Maße ineffizient. Ich halte es für ineffizient und nicht ökonomisch, Vorlesungen halten zu lassen, bei der der Vorleser sich zu guter letzt selbst nicht mehr hören kann (siehe Panelbeitrag von Peter Baumgartner: Er sprach davon eine Vorlesung bereits singen zu können). Können wir es uns leisten soviel "Intelligenz" auf solche Weise zu binden? Natürlich war die Vorlesung ein effizientes Werkzeug - war sie vor der Erfindung neuer Medien. Heute - und ich möchte hier auf das Projekt KnowledgeBay hinweisen - welches richtungsweisend ist - heute ist es möglich, moderne - didaktisch hochentwickelte vernetze Bildungsmedien zu entwickeln, welche Vorlesungen für den Rest der nächsten 40 Jahre unnötig machen. Natürlich kann es hier sinnvoll sein, wenn ein Experte etwas erzählt. Aber der Zuhörer sollte zum Mitdenker werden - und dieses aktive Mitdenkertum auch ausüben können. Die Kommentarfunktion von KnowledgeBay gibt uns hier ein Werkzeug, welches in hohem Maße Interaktion möglich macht. Dabei kann er ein vielfaches in der selben Zeit lernen. Wenn Lehrende Bildungsmedien im Zyklus von 2 bis 5 Jahren überarbeiten (je nach Anforderung des Fachs) - dann können diese Learning Objects mit viel mehr Aufwand und finanziellen Ressourcen endlich didaktisch professionell erzeugt werden (In Kooperation mit Fachexperten und Didaktikexperten). Dem Lehrenden bleibt schließlich mehr Zeit für die Semiare - in denen Diskurs und Dialog auf höchstem Niveau stattfinden kann. Im Diskurs und im Dialog liegt ein nach meiner Ansicht nach ungenutzes Potential. Wenn wir heute noch in vielen Fällen mit monodirektionalen Unterrichtsmethoden arbeiten, dann setzen wir einen Transfer unserer Expertise voraus - im Grunde ist aber eine Konstruktion von Neuexpertise notwendig - und diese erfolgt auf diesem Wege nach meiner Ansicht viel zu langsam.

Abschließend gilt es auf die sozialen Implikationen moderner - überall verfügbarer Bildungsmedien - hinzuweisen. Ich denke dabei an Mütter, die ihr Studium für eine Schwangerschaft unterbrechen - ich denke Berufstätige, die sich weiterbilden möchten - ich denke an Studenten von anderen Universitäten, die just die Angebote einer bestimmten Universität interessant finden. Klar: Hier entstehen schon viele Angebote. Noch immer sind diese Angebote aber nicht Standard - und es wird Zeit, dass sie Standard werden. Mit der Abschaffung der reinen Vorlesung wäre damit ein erster Schritt unternommen.

Blöde in die Glotze starren?

"...welche Vorlesungen für den Rest der nächsten 40 Jahre unnötig machen."

Auch wenn die Vorlesungen der meisten Dozenten in Stil und Gestus nicht gerade begeistern, kommt mir die Umsetzung von virtuellen iProfs doch sehr "Rollator"-mäßig vor.

"Aber der Zuhörer sollte zum Mitdenker werden - und dieses aktive Mitdenkertum auch ausüben können."

Mir scheint es auch eine Frage der "aktivierenden" Gestaltung der Medien. Bei der Umsetzung von "E-learning-Medien" ist Faszination, die Ästhetik, Einheit von Form und Funktion, wesentliches Mittel zur Bildung von Differenz - also aktivem Mitdenkertum.

Mut zu eigenen Beiträgen

Bisher haben wir hier auf dem Ö+B "Portal" ja eher neutrale Meldungen gepostet, Hinweise auf Ereignisse oder lesenswerte Ressourcen. Christian Zange hat einen Vorstoß gemacht, indem er einen eigenen (Denk-)Beitrag gepostet hat, was wirklich klasse ist, weil es immer etwas Mut voraussetzt. Vielleicht ist das ein erster Schritt hin zu einer virtuellen Diskurskultur im Schnittfeld Ökonomie und Bildung, ... auch auf die Gefahr hin, dass Beiträge noch unfertig erscheinen. Diskurs beginnt genau an diesen unfertigen Stellen ...

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