E-Learning von unten
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Integration versus open innovation
Lieber Herr Jenert, sie sprechen ein konkretes Szenario an, indem gezeigt wird, dass die „Integration“ schwer bis unmöglich ist. Sie wollen das sicher vorhandene Engangement der Studierenden in Schutz nehmen und verweisen auf die Trägheit der Anderen. Ja sie haben Recht! Ehe wir das Integrationsspiel spielen können, müssen alle die Regeln verstanden haben und sie müssen mitspielen wollen! In einer Universität, die von Ihrer Geschichte her arbeitsteilig gewachsen ist (Forschung und Lehre auf der einen Seite, Verwaltung auf der anderen Seite) ist so ein neues Spiel für die Kandidaten schwer zu verstehen. Die Wendung „wir arbeiten jetzt kundenorientiert“ ist vielerorts schnell aufgesetzt, aber wenn Kulturen sich ändern sollen, dann sind 5 Jahre nix. Zudem und hier sehe ich die eigentliche Herausforderung für eine Kulturarbeit, geht es an der Hochschule der „Zukunft“ um Co-Produktion. Das Bekenntnis „wir arbeiten kundenorientiert“ trifft diesen Sachverhalt nur scheinbar! Co-Produktion heißt – das zeigt der Open Innovation-Ansatz sehr schön - dass man beim „Kunden“ nicht die Bedürfnisinformation erhebt (das ist die klassische Kundenorientierung als Ausdruck eines verfeinerten Marketinginstrumentariums), sondern das der Kunde in den Innovationsprozess integriert ist. Diese Integration (also Co-Produktion) geht sogar soweit, dass der Kunde seine eigene Lösung generiert (design by costumers); der ursprüngliche Produzent ist Verfahrensbegleiter. Seitens der Mitspieler an der Universität, z.B. Bibliothek, ist daher eines wichtig: echte Partizipation heißt im Kern auch Verlust von Kontrolle UND Verlust an potentieller Reputation, weil Erfolgs-Zuschreibungen nicht alleine auf die Kappe der Bibliothek gehen, sondern auf alle Mitwirkenden ausstrahlen müssen. Hier wie auch in vielen anderen Bereichen läuft es auf einen relativ einfachen Sachverhalt hinaus: wir müssen unsere Ego erweitern! „Unser“ System hört nicht an den eigenen Fingerspitzen, auch nicht an den Grenzen der eigenen Bibliothek auf, sondern „unser“ System ist (in diesem Fall) die Universität als Gesamtheit. Wenn diese Bedingung nicht erfüllt ist, dann herrscht zwischen den Systemen immer ein rauer Verteilungskampf, der eben die von Ihnen angesprochene Integration (hier als Kooperation von Studentenprojekten und Bibliotheksprojekten) sabotiert. Andersherum und damit will ich schließen, sind genau ihre Vorstöße und Versuche einer Kooperation (und das Aushandeln von Bedingungen) modellbildend für die Universität der Zukunft (die immer in der Gegenwart beginnt) ... denn: wo soll sie denn herkommen, wenn nicht von engagierten Studenten und z.B. „verwegenen“ Bibliotheksvertretern, die in einer Kooperation eine Chance der Veränderung sehen? Die Früchte des Tages erntet meist die nächste Studentengeneration. Es kommt also darauf an, inwiefern wir uns durch dieses unwahrscheinliche Bild von der Zukunft inspirieren und motivieren lassen.
Trennung und ! Integration
Lieber Herr Jenert, ich denke wir sprechen hier über ein einigermaßen schwieriges Konstrukt. Ich hatte ja auch extra gesagt: "Autonome" Sphären... und das bedeutet zweilerlei: (a) sie müssen auf einer S i n n ebene g e t r e n n t werden, denn sonst würde die Logik des Fachstudiums mit der Logik des Projektstudiums zusammenfallen, alles wäre Eins, was eben nicht sein darf. Dies war auch gemeint, als Herr Schulmeister sich in die Rolle des Studenten versetzt hat und sagte: "Ja wenn das so ist?!". (B) Anders herum bedeutet diese Sinntrennung NICHT, dass wir auf der Ebene der Erfahrung zwei getrennte Räume haben. Auf der Erfahrungsebene des Studenten und der Lehrenden soll es genau zu der I n t e g r a t i o n kommen, die Tom Sporer angemahnt hat, denn nur so schafft man den workload. Das war mit der Wendung gemeint: Autonomie und Abhängigkeit wiedersprechen sich nicht! Bei der Frage, wie man sich das konkret vorstellen kann, sind wir mit unserem Begleitstudium auf einem guten Weg.
"e-learning" als "lernmittel" ist die ganz Frage
wir bewegen uns hier erstaunlicher weise immer noch in einer diskussion, die sich auf den einsatz von "lernmitteln" zur "aufbereitung wissenschafdtlicher inhalte und studieninhalte" beschränkt. nur in diesem rahmen ist die frage nach den "hohen kosten hochqualitativer e-learning-angebote" überhaupt sinnvoll. ja, es ist sehr teuer, in der regel viel zu teuer, e-learning als medienproduktion zu verstehen. aber es geht ja um viel mehr: es geht um "learning in e-environments". in einer zeit, in der jeder student ganz selbstverständlich Google jeder bibliothek vorzieht und (zunehmend) in selbstgemachten P2P-netzwerken kommuniziert und wissen aufbaut, ändert sich die umwelt der universität so dramatisch, dass alte, geschlossene formen des lehrens und der lerninhalte schlicht selbst als ergänzung, nicht mehr als kern des studiums verstanden werden müssen. und ehrlich gesagt war das früher auch schon nicht viel anders, als das intellektuelle leben der "universitätsstadt" oft viel intensiver und lehrreicher war, als die vorgelesene vorlesung des ordinarius. die gleichwohl als gravitationspunkt nötig war. nur dass eben jetzt die alte universitätsstadt erweitert und ersetzt wird durch den globalen Google-Campus. universitäten, die überleben wollen, müssen sich darauf einstellen. es ist eine umweltkatastrophe. wir werden sehen, welche lebensformen sich daran anpassen werden.
Selbstverständliches Engagement durch Soziale Software
Soziale Sofware kann nur dann nützlich sein, wenn wir den Einsatz dieser aktueller Technologien neu überdenken. Wikis sind dann also nicht nur ein nettes "Add-On" für eine Veranstaltung, die moderne Techniken verwenden will, sondern die Basis für effizientes Lernen und Lehren. Konkret: Ein Mitschnitt einer Vorlesung oder eines Workshops (ähnlich wie bei diesem Panel) wird zum _aktiven_ Lernen freigeben und entsprechend mit neuen Inhalten, wie Fragen, Antworten, Kommentaren oder Beispielen und Aufgaben in Text, Ton und Bild angereichert. Wenig relevante Inhalte werden dabei durch Benutzerbewertungen einfach aussortiert (Selbstreinigung!). Hier wird auch ganz klar, dass die Grenze zwischen Dozent und Studenten, zwischen Produzent und Konsument aufgelöst wird. Damit ist die Lehre auch wieder ein Stück näher beim Studenten selbst und dieser viel motivierter und engagierter. Es stellt sich also gar nicht mehr die Frage "Wie belohne ich Engagement bei Erstellung von E-Learning Inhalten?" - die Erstellung ist Teil des Lernprozesses selbst und somit selbstverständlich!
Mit E-Learning neue Freiräume schaffen
Es ist ein anregendes Vergnügen, dieses Panel zu verfolgen. Trotz vielfältiger Widersprüche wird meiner Meinung nach deutlich, dass insbesondere das didaktische Potential von E-Learning Anlass zu Optimismus gibt, auch wenn im Fazit daneben eine gewisse Verwirrung konstatiert wird. Denn möglicherweise geht von den Änderungen, die E-Learning verursacht, auch ein positiver Einfluss auf die Lehr-/Lernkultur aus. Denn das wird ja immer wieder angesprochen, dass angesichts des Bologna-Prozesses und einer zunehmenden Verschulung vor allem im Bachelor-Studium die Balance gefunden werden muss zwischen Massenabfertigung und dem, wie ich finde, bewährtem Freiraum an der Uni. Eine Möglichkeit wäre doch, hier E-Learning als Instrument für eine kollaborativen Lehr-/Lernprozess zu nutzen. Und auch entsprechend die Strukturen anzupassen. Denn warum ist es notwendig, dass deutsche Unis ihre (durchaus bewährte) Tradition aufgegeben und einfach das Bachelor-System 1:1 übernehmen? Könnte nicht neben den obligatorischen 6 Semestern noch ein zusätzliches, gebührenbefreites Projektsemester eingeschoben werden, wo eben genau jene Bildungsprozesse erprobt werden können, die eine eigenständige, kreative und natürlich auch produktive Auseinandersetzung mit den Fragestellungen seines Fachs ermöglichen (im Sinne eines festzuhaltenden Ergebnisses, etwa im Rahmen des E-Portfolio-Gedankens)? Das ist jedenfalls ein Gedanke, der mir mehr oder weniger spontan beim Zuhören gekommen ist. Natürlich wäre es naiv, alle zu zwingen, nun den Gestaltungsspielraum zur Entfaltung zu nutzen. Aber ich fände es wichtig, dass für diejenigen, die ihr Studium nicht nur als Punkte-Sammel-Rally durchlaufen wollen, die strukturellen Hürden zumindest temporärer beseitigt werden. Also so eine Art Frei-Semester für interessierte Studenten (das wird vermutlich nicht die Mehrheit sein) ;-)
Der Weg ist das Ziel und nicht das Produkt
Diesen Satz finde ich elementar, auch wenn er nur das nochmal aufbereitet was Tom vorher gesagt hat. Allerdings muss es für die Studierenden auch einen gewichtigen Vorteil geben (neben der Erfahrung), überhaupt so selbstständig zu arbeiten. Das könnten neben Punkten beispielsweise auch Zertifikate für die Bewerbungsmappe (o.ä.) sein. Natürlich müsste man die Projekte unterschiedlich gewichten, aber ich denke die Professoren könnten diese Aufgabe durchaus übernehmen.
Problemorientiertes Lernen als Einheit von Frage und Antwort
Im Romen "Per Anhalter durch die Galaxis" gibt ein Supercomputer nach langer Rechenzeit die Zahl "42" als Antwort auf die Frage aller Fragen aus. Leider kannte dann niemand die ursprüngliche Frage mehr und es wurde rasch ein neuer Supercomputer gebaut, der nicht nur Antworten auf Fragen geben kann, sondern auch die Fragen zu den Antworten weiß (vgl. Artikel "Antwort 42" in Wikipedia). Da ich im Panel keine Gelegenheit hatte auf diesen Zusammenhang zwischen Fragen und Antworten näher einzugehen, hole ich das jetzt mit einem Kommentar nach. Denn ich finde, es reicht nicht aus Lernumgebungen zu schaffen in denen Studierende vordefinierte Problemstellungen lösen. In einem Keynote-Vortrag auf der Jahretagung der GMW hat Prof. Jonassen (siehe Vortragsmitschnitt) eine Reihe problemorientierter Lernumgebungen vorgestellt. Ich hatte mich dabei gefragt, ob die Beispiele eigentlich "echtes" problemorientiertes Lernen zeigen. Für mich stellten sie überwiegend Fallstudien dar, in denen Studierende eine Antwort auf eine fixe Problemstellung entwickeln. Es fehlte mir die Beteiligung der Studierenden an dem Prozess der Problemfindung. Im Kern dieser Beispiele handelt es sich für mich darum, dass ein Lehrer Fragen stellt und der Lerner die "richtigen" Antworten gibt. Ich fragte mich: Wollen wir eigentlich Studierende, die Probleme in ihrem jeweiligen Lern- und Arbeitsumfeld erkennen und neue Lösungen für diese Probleme entwickeln? Studierende, die nicht nur perfekt machen was man Ihnen vorgibt, sondern eigenständig denken und unternehmerisch handeln, um Lösungen für Probleme in der Zukunft zu finden. Prof. Schulmeister benennt aus meiner Sicht im Panel ein zentrales Problem "echten" problemorientierten Lernens im Hochschulstudium (siehe Beitrag von Schulmeister). Hoffentlich ruft unsere Antwort auf kritische Fragen dieser Art mehr als betretenes Schweigen hervor!
Kunst der Ausbalancierung
Ich meine, dies ist ein wichtiger Punkt in der gesamten Diskussion. Die Gretchenfrage ist hier, wie man das spontan entstehende (wildwüchsige) Engagement einiger Wenigen in die Breite trägt, was nichts anderes als Kultivierung bedeutet. Herr Schulmeister ist doppelt skeptisch: einerseits weil er bei einem workload von 30 CP im Semester nicht daran glaubt, nicht glauben kann, dass Studenten noch Luft haben für offene, arbeitsintensive Lernformen, andererseits, weil er in der 1:1 Anerkennung von einem Leuchtturm-Engangement mit einer 100% Verrechnung mit CP eine Art Anreiz-Pervertierung sieht, an deren Ende Studenten in Schulmeisters Worten - ernüchternd feststellen ja, wenn das so ist!. Was also tun? Mir scheint die Verrechnungsmetapher mit der Währung CP eine Ursache der Problematik zu sein und ich möchte hierzu eine Analogie anbieten: wenn man sich den heutigen Tauschmarkt ansieht, dann ist vor allem Geld als Tauschmittel dominant. Ein Merkmal von Geld ist, dass es nicht unmittelbar den Bedarf eines Tauschpartners befriedigt, sondern aufgrund allgemeiner Anerkennung für einen weiteren Tausch eingesetzt werden kann (siehe Wikipedia). Es gibt aber noch andere (komplementäre) Tauschmittel, die offenbar unterschiedliche Bedürfnisse bedienen, man denke an Systeme wie Tauschkreise (z.B. Tausch von Dienstleistungen). Ich meine, wir müssen auch im Bereich Hochschulbildung mehrere Verrechnungstypen anbieten, nicht alles darf über die abstrakten CP laufen. Wir sollten deutlicher auf die Qualität der Leistung und die Qualität des Anerkennungsmittels und deren Zusammenspiel! achten. An dieser Stelle will ich noch mal eine sicher provokante Analogie einschieben: Wenn ein Freier zu einer Prostituierten geht, dann verlangt er nicht Liebe für sein Geld, sondern, ja, eine Art mechanisch-oberflächlichen Zugang. Die Beziehung zwischen Hochschullehrer und Student, hier insbesondere das zwischen ihnen stattfindende Tauschgeschäft kann man damit vergleichen: Wir bieten dem Studenten CP, also eine Form von Geld an, für eine äußerliche, quantifizierbare Leistung. Die Seele der Studenten, d.h. sein/ihr inneres Engagement, die Leidenschaft für eine Idee, erreichen wir damit nicht. Wenn wir diesen Zugang in der Breite wollen, dann müssen wir qualitativ andere (Anerkennungs-)Mittel finden. Am Ende darf also nicht die von Herrn Schulmeister befürchtete (feindliche) Übernahme des Projektlernens ins Fachstudium stehen; beide sollen autonome Sphären bleiben, die aber in einer gegenseitigen Abhängigkeit stehen. Autonomie und Abhängigkeit widersprechen sich nicht! Die Herausforderung liegt da, welche kreative Mischung von Anerkennungsmitteln wir für unterschiedliche Leistungstypen finden und wie wir das Ganze institutionell einbinden und bezüglich der Motivlagen der Studenten ausbalancieren. Ja, ... die Kunst der Ausbalancierung, das ist die Herausforderung.
Das leidige Thema "Aufwand"
"Perfektionismus raubt Zeit" - so oder so ähnlich lauten Aussagen von Bachelorstudierenden, die ihr Studium nicht schnell und oberflächlich abhandeln wollen, sondern auf theoretischer und auf praktischer Seite etwas mitnehmen möchten. Sicherlich klingt allein die Thematisierung des Aufwands an dieser Stelle paradox oder gar konträr; wenn ein Studierender zu einem intensiven Studium bereit ist, darf der Faktor Zeit nur eine untergeordnete Rolle spielen.
Wird jedoch ein üblicher Stundenplan eines Bachelorstudierenden bemüht, so bekommt das Thema „Aufwand“ ein neues Gesicht: In Hochzeiten erwirbt dieser 40 bis 50 Leistungspunkte in einem Semester! Derart viele Credits sammelt er nicht, weil er überaus eifrig ist. Geht man davon aus, dass das erste Semester der Orientierung dient und das sechste Semester für die Erstellung der Bachelorarbeit da ist, bleiben dem Studierenden vier Semester, in denen er etwa 120 Punkte erwerben soll. Fallen dann aufgrund ungünstiger Begebenheiten an der Universität, beispielsweise das kurzfristige Fehlen von Veranstaltungen, Seminare auf der „Punkterallye“ weg, ist das genannte Szenario nicht ungewöhnlich. Bieten wir Studierenden also Praxisseminare an, dann wird mit der zu lösenden Aufgabe Zeit in Anspruch genommen, die neben zahlreichen anderen universitären Veranstaltungen vorhanden sein muss!
Der zentrale Schlüssel, um diesem Missverhältnis zu begegnen, liegt – und da stimme ich Frank voll und ganz zu – in dem Bachelor- und Mastersystem selbst: Solange das System oder die Studien- und Prüfungsordnungen keinen Raum für ausgedehnte Seminare oder Reflexion bieten, fallen Entscheidungen auch zu ungunsten von Projektseminaren aus. Dies zeigt zum Beispiel eine Untersuchung unter denjenigen Studierenden, die aus einem Problemlöseseminar nach der ersten Sitzung aussteigen. Selbst wenn die Motivation stimmt: "Perfektionismus raubt Zeit", um das Eingangszitat erneut zu bemühen – und die muss vorhanden sein! Solange „nicht greifbare“ Leistungen wie Organisation oder Prozessfortschritt keinen Einfluss auf die Zahl der Credit Points haben, kann auf herkömmlichen Präsenzunterricht mit Referat und Hausarbeit nicht gänzlich verzichtet werden. Selbst wenn Studierende bereit sind, „mehr“ als ihre Kommilitonen auf sich zu nehmen, sind ihre Ressourcen begrenzt. Blended Learning-Umgebungen, die Teile von projektartig angelegten Seminaren virtualisieren, lassen zwar Lernzeiten flexibler werden und sind mit dem bestehenden System verträglicher. Der inhaltliche Aufwand, der wiederum den zeitlichen bedingt, bleibt als Problem bestehen.
Inwieweit sich „reines“ E-Learning des Aufwands annehmen kann, weiß ich nicht. Werden Ergebnisse aus Evaluationen betrachtet, so zeigt sich doch ein besonderer Zusammenhang von Projektfortschritt und Teamwork. Lernen Menschen zusammen in einer Gruppe, entwickeln sie oft einen Geist, der sie zusammenschweißt und die Qualität des Lernens erheblich erhöht – und zwar durch „echte“ Treffen mit „echten“ Kommilitonen und „echten“ Diskussionen.
Kunst der Ausbalancierung: Ja, aber....
Die Problematik scheint klar: Wenn E-Learning von unten funktionieren soll, wenn also Studierende die Initiative ergreifen und selbst E-Learning Produkte als Teil ihres
Lernprozesses an der Hochschule praktizieren und vor allem auch produzieren, dann kostet das Zeit und Energie.
Als BA-Studierender, der sich - wie ich glaube - ganz gut in beide Perspektiven, die der Lehrenden sowie die der Studierenden denken kann, frage ich micht natürlich
wie ein mögliches Engagement, das über das "normale" Studium hinausgeht, belohnt werden kann. Und natürlich gäbe es da auch Ansätze, eben Anreize aus der Wirtschaft,
wie sie Frau Roth andeutet, oder alternative Assessment-Verfahren (z.B. auf Weblog-Basis).
Allerdings stellt sich mir dabei auch ganz klar die Frage, inwieweit solche alternativen Bewertungsmodell wiederum institutionalisiert werden, sich also doch wieder an das Fachstudium anschließen. Denn ein paralleles Nebeneinander "klassischer" und "neuer" Lehr- Lernszenarien kann ich mir nur schlecht vorstellen.
Ich meine, man muss sich bei der Konzeption von didaktischen Szenarien, die Selbststeuerung und Engagement der Studierenden verlangen durchaus fragen, wie man möglichst viele mit "ins Boot" holt, auch wenn man den Studierenden ein gehöriges Maß an Eigenverantwortung für die Gestaltung ihres eigenen Studiums zubilligt. Denn, wie Tom Sporer ganz psassend anmerkt: Die Schule bereitet kaum auf eigenverantwortliches Lernen oder "Entrepreneurship" vor. Und ganz ehrlich gesagt habe ich auch in der öffentlichen Disskussion noch nie einen Wirtschaftsvertreter gehört, der gesagt hätte: "Wir betrachten Engagement im Studium, das über die fachliche Ausbildung hinausgeht als grundelgende Qualifikation". Wenn, dann steht so etwas zwischen den Zeilen und irgendwo hinter den Forderungen, doch bitte die Studiendauer zu verkürzen...
Wenn Frank Vohle also fordert, Fachstudium und Projetklernen sollten getrennte Spären bleiben, dann denke ich, wird man schnell an Grenzen stoßen, die sich durch die unterschieldichen Strukturen, in die beide Sphären eingebettet sind, aber auch durch die Perspektive der Stuierenden erbegen.
Immerhin braucht Projektlernen viel Energie und Zeit, es braucht Fehlversuche und ist vielleicht nicht besonders effizient. Ich frage mich, wie es gelingt, gerade schwächere Studierende, die mit der Workload, wie sie Prof. Schulmeister angesprochen hat, genug strapaziert sind, noch in Lernprojekte mit einzubinden. Insofern teile ich Schulmeisters Bedenken der Breitenwirksamkeit. Auch stellt sich die Frage der Betreuung, denn Projektlernen ist, gleich ob E- oder Nicht-E-Learning, sehr betreuungsintensiv. Ich denke also, Projektlernen muss eine enge Verbindung mit dem Fachstudium eingehen und sollte auch bei der Bewertung nicht völlig isoliert dastehen. Ausbalancieren heißt vielleicht auch ein Stück weit integrieren. Und gerade vor dem Hintergrund von Bachelor und Master, die ja gerne den Anspruch erheben, gerade auch besonders praxisnah, gleichzeitig aber schnell zu sein, sehe ich in einer solchen Integration eine große Herausforderung. Vielleicht muss ja auch das Fachstudium auch zum Teil in das Projektlernen integriert werden...



Das Problem: Trennung und ! Integration - ein Beispiel
Lieber Herr Vohle. Sie haben Recht, es Bedarf der Trennung auf der Sinnebene und der Integration im konkreten Studienalltag. Aber genau hier liegt das Problem, und das bewegt sich keineswegs nur auf Ebene von Motivation und Engagement von Studierenden.
Um mal etwas konkreter zu werden hierzu ein Beispiel: Diese Woche trafen sich zwei Mitarbeiter der Medienpädagoik in Augsburg, zwei Studierende und ich mit drei Mitarbeiter/innen der Universitätsbibliothek. Anlass: Seit letztem Semester arbeiten Studierenden auf Basis des Begleitstudiums Problemlösekompetenz an einer Online-Umgebung zum Thema wissenschaftliches Arbeiten. Nachdem im vergangenen Semester bereits die Grundstruktur aufgesetzt wurde, geht es nun darum, die Umgebung mit Inhalt zu füllen. Praktisch dabei: Die Bibliothek bietet ebenfalls Kurse zum Thema Recherche und wissenschaftliches Schreiben an, eine Kooperation liegt da nahe.
Auf den ersten Blick offenbart sich da eine wunderbare Kooperationsmöglichkeit: Studierende bauen zusammen mit Dozenten und Angestellten der Bibliothek eine Plattform zum wissenschaftlichen Arbeiten auf, tragen damit zu Weiterentwicklung der Organisation Universität bei und lernen selbst noch eine Menge durch ihr Handeln. So sehen die (Traum-)Visionen vieler Lehr- Lernforscher aus, das wurde auf der Panel-Diskussion zum Thema E-Learning auf der diesjährigen GMW-Tagung deutlich (hier gibt es einen Videomittschnitt).
Schnell wurde es für mich - und wohl auch für die beiden Studierenden, die eigentlich gekommen waren, um konkrete Arbeitsvorschläge zu diskutieren, recht ernüchternd. Das Projekt sei äußerst wichtig (sehe ich auch so), es werde über kurz oder lang sowieso notwendig (sehe ich ebenfalls so) und müsse deswegen vom Stellenwert her hoch angesiedelt werden (völlige Zustimmung). Allerdings könne man da nicht mehr in Semestern und Leistungspunkten denken, das habe dann schon eine andere Dimension (aha?!) und wenn, dann muss das schon für alle Disziplinen und individuell angepasst aufgesetzt werden. Aber wir könnten ja mal anfangen, dann sei wenigstens schon mal etwas da .
Was ich jetzt etwas (zu) sarkastisch heruntergeschrieben habe, zeigt für mich, wo ein wesentliches Problem bei der Frage liegt, inwieweit Studierende Produzenten und Mitgestalter sein können, wenn es ums Lernen und um die Lernumgebung Hochschule geht: Nicht nur Motivation und Interesse der Studierenden sind dabei wichtig, sondern auch die Einstellung derer, die oben mit dem, was Studierende leisten und eventuell produzieren, umgehen. Natürlich muss ein Projekt, wie das oben beschriebene auf längere Sicht als ein Semester geplant werden. Dennoch scheint es mir nicht unmöglich, Studierende einzubinden, sofern man auch ihre Bedürfnisse mit im Blick hat. Und das sind nun einmal gut dreimontige Semester und Leistungspunkte.
Im konkreten Fall will ich keinem der Anwesenden unterstellen, er wäre gegen eine Beteiligung der Studierenden - im Gegenteil. Bezeichnend war aber für mich, dass kein einziges Mal in der Diskussion eine Frage an die beiden Studierenden, zu ihre n Erfahrungen und ihrer Einschätzung gerichtet wurde. Und das, obwohl die beiden die bisherige Arbeit an dem Projekt selbst miterlebt und die Lernumgebung selbst gestaltet hatten. Wenn es also zu einer Integration von Projektarbeit und Fachstudium kommen soll, so denke ich, muss nicht nur die Motivation und das Engagement der Studierenden stimmen: Auch die Wertschätzung für und das Vertrauen in die Leistung von Produkten, die Studierende hervorbringen können sind hier wichtig, ebenso wie die Berücksichtigung der Studien- und Lenbensrealität von der aus Studierende sich in der (Lern-)Ungebung Hochschule bewegen.